Anfänge des Schrifttums und Entwicklung der Schreibstile

Orakelinschrift auf Schildkrötenbauchpanzer
Bronzezeit etwa 1339 - 1281 v.Chr.

Seit jeher hat das Fremdartige auf den Menschen auch eine faszinierende Wirkung, der er sich schwer entziehen kann. So auch die fast magische Wirkung der chinesischen Schriftzeichen, vom ersten Moment an, da ich sie in einem alten Wörterbuch entdeckte. Damals, eben über zwanzig, schrieb ich mir fast mechanisch so viel wie möglich heraus, um es mir einzuprägen. Bis aber die Bildzeichen Sinn offenbarten und mir Zusammenhang aufwiesen, vergingen Jahre. Wenn ich nun auf die Werke der verschiedenen chinesischen Dichter, ihre Zeitepochen und andere übersetzungstypische Umstände eingehe, so hoffe ich, zum besseren Verständnis des geneigten Lesers, für diese fremde alte Welt, die doch in Wahrheit natürlich frisch und fast zeitlos modern geblieben ist.

Die ältesten schriftlichen Überlieferungen sind wohl die Orakelinschriften aus Hsiao-T'un, der Stadt, die 273 Jahre Hauptstadt der Shang war. (1300 - 1028 v.Chr.) Die Orakel wurden nicht mündlich verkündet, noch prophezeiten sie etwas Unerwartetes. Es wurden konkrete Fragen gestellt, nach Regen, Opferung, Krankheit, Krieg und Ahnen, die nur mit ja oder nein , - bzw. günstig oder ungünstig zu beantworten waren. Die Antwort entnahm man dem Verlauf der Sprünge, die durch Erhitzung einer im Voraus angebohrten Stelle des Knochens entstanden. Auch der glatte Bauchpanzer der Schildkröte wurde zu diesem Zwecke ins Feuer gelegt. Die meisten Knochen und Panzerschalen wurden damals bereits in Kellern und Gruben aufbewahrt. Fast 95 000 Fragmente kamen bisher ans Tageslicht. Viele wurden von der Landbevölkerung ausgegraben. Die wichtigsten Inschriften sind gesammelt und enthalten bereits über 4500 verschiedene Zeichen, die wohl die Archetypen der chinesischen Schrift sind. Aus Vergleichen zwischen Orakelinschriften und den Inschriften der Chou - Bronzen wird erkennbar, das die Chou das Schriftsystem der Shang einfach übernahmen. Die Schriftzeichen machten aber im Laufe des ersten vorchristlichen Jahrtausends noch viele Veränderungen durch.

Die alte Schrift: Ku-Wen, ist vorerst die Große Siegelschrift: Ta-Tschuan (1122-222 v.Chr.) s.Abbildung. Daraus entwickelte sich die verfeinerte kleine Siegelschrift: Siao-Tschuan (221-207 v.Chr.) unter der Chin Dynastie. Zeugnisse dieser Schrift sind bis in unsere Zeit hinein in Felsen, in Stein gehauen und in Ton gebrannt erhalten. Bronzegegenstände in Form von Tierplastiken, Krügen, Dreifüßen, Glocken, Spiegeln und andere Kultgegenstände tragen diese ältesten Symbole durch die Jahrtausende, werden bis heute andächtig verehrt, von Kalligraphen kopiert und in Abreibungen auf Papier weiterverbreitet. In welchem Maße die Orakelgeschichte und die Ausdeutung alter Bildsymbole zur Entwicklung des wohl ältesten der chinesischen fünf Kanonischen Bücher, nämlich dem I - King beitrug, ist unklar und nicht nachzuweisen. Annehmbar ist aber, daß bereits in dieser ältesten Zeit Überlegungen und Deutungen in Form von Kommentaren entstanden. Holz ist ein vergängliches Material, und daher sind kaum Altertümer davon erhalten. Sicher ist aber, daß dieses gut zu bearbeitende Material schon in frühesten Zeiten allen Menschen zur Zeichengabe diente.

Links: Ta-Tschuan, Große Siegelschrift 1122-222 v.Chr.
Rechts: Siao-Tschuan, Kleine Siegelschrift 220 v.Chr.

Immerhin leitet sich der Name unserer Lautzeichen von Buchenstäben ab, und wenn auch dieses gute lateinische Erbe seinen Siegeszug um die Welt antrat, so ritzten doch unsere Vorfahren Runenzeichen, die sowohl Laut-, als auch Bildwert besaßen.Welche magische Macht solche Zeichen noch immer besitzen, mußten wir gerade in unserer jüngsten Geschichte erst alle auf schrecklichste Weise erfahren. Wer weiß denn, ob nicht schon in Vorzeiten Seher und Schamanen Zweige ritzten und sie wie ein Mikadospiel gebündelt, zusammenfallen ließen, um nacheinander abgehoben, dem Lesenden eine orakelhafte, auslegbare Botschaft zu ermöglichen.

Bambusbuch etwa 50 v.Chr und die entsprechenden Bildzeichen dafür

Aufgespaltene, polierte und zusammengebundene beschriebene Bambusstäbchen sind uns aus China schon vor 2000 Jahren bekannt. So erklärt sich auch leicht die Schreibweise der Zeichen untereinander, wie sie auch später auf den Flächen von Reispapier und Seidenstoffen beibehalten wurde. (Abb.) In diesen zusammenrollbaren Büchern schrieben Beamte ihre Gesetzesvorlagen und Amtsberichte in der ersten Form der Amts-, oder Kanzleischrift, Li - Shu (25 - 220 n.Chr.) Auf den danebenstehenden Zeichen erkennen wir gut die zusammengebundenen senkrechten Stäbchen, links in Siegelschrift und daneben in der heutigen Schreibschrift die Schriftzeichen für Buch = Tschai³; für kanonische Bücher = Tien³ auf einem Tisch erhöht darunter; und das Buch unter dem Dach für Lün² = Texte sammeln. Li - Shu findet seine schönste Form unter der Han-Dynastie, (206 v.Chr. - 220 n.Chr.)

Etwa ab 400 n.Chr. entwickelt sich bereits eine Art Stenographie, eine Kursiv-, oder Schnellschrift,Ts'ao - Shu, was wörtlich soviel wie Grasschrift, oder flüchtige Entwurfsschrift meint. Sie ist am mühsamsten für Ungeübte erkennbar und erfordert zur Übersetzung sicher ein Privatstudium. Dazu im Gegensatz die Regularschrift Kai - Shu, die sehr klar lesbar ihre schönste Form in der Tang - Zeit erreicht (618 - 906 n.Chr.) Aus diesem Zeitraum stammen auch die meisten meiner Übersetzungen. Eine weiterhin sich unterscheidende Stilart ist die Hsing - Shu oder fließende Form, die in ihren Variationen nicht so verschlungen wie die Grasschrift wird, aber doch sehr persönliche Eigenarten in der Pinselführung aufweist. Ihre Blütezeit ist um 1100 n.Chr.,während Fürsten, Dichter und Mönche in Schönschrift miteinander wetteiferten. Auch in dieser Epoche, der Sung - Zeit (bis 1279) entstehen viele der hier vorliegenden Gedichte.

Li-Shiu, Amtsschrift 25-220 n.Chr.

Schriftstile

Kai-Shu, Regularschrift Hsing-Shu, Fließende Schrift

Hsing-Shu Ts'ao-Shu